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Vitalpilze – wissenschaftliche Einordnung

 

Vorab: Gesundheitsbezogene Aussagen zu Vitalpilzen in Nahrungsergänzungsmitteln sind in der EU nicht erlaubt, weil hierfür keine von der EFSA geprüften und zugelassenen Health Claims existieren.

 

Vitalpilze in der Wissenschaft: Was ist seriös dokumentiert – und warum?

„Vitalpilze“ (oft auch „medizinische Pilze“) sind Speise- oder Kulturpilze, deren Inhaltsstoffe in der Forschung auf immunologische, entzündungsbezogene, metabolische und neurobiologische Prozesse untersucht werden. Wichtig ist die saubere Trennung zwischen:

  • biochemisch plausiblen Mechanismen (z. B. Zellrezeptoren, Signalwege),
  • präklinischen Daten (Labor/ Tiermodelle) und
  • klinischer Evidenz beim Menschen (Studienlage, Qualität, Reproduzierbarkeit).

Gerade im Nahrungsergänzungsmittelbereich ist außerdem entscheidend: Mechanismus ≠ zugelassener Health Claim. Ein Mechanismus kann wissenschaftlich interessant sein, ohne dass daraus rechtlich oder medizinisch eine Wirkaussage abgeleitet werden darf.

Im Folgenden eine wissenschaftsnahe Übersicht der wichtigsten Stoffklassen in Vitalpilzen und der bekannten biochemischen Reaktionsketten – mit einer Einordnung, was davon seriös dokumentiert ist.

 

Polysaccharide – insbesondere β-Glucane: „Muster-Erkennung“ durch das Immunsystem

Was sind β-Glucane?

β-Glucane sind strukturierte Polysaccharide aus der Pilzzellwand (typisch β-(1→3)-Gerüst mit β-(1→6)-Verzweigungen). Ihre biologische Aktivität hängt stark von Struktur, Löslichkeit, Molekülgewicht und Verzweigungsgrad ab – das ist ein Grund, warum unterschiedliche Extrakte sehr unterschiedliche Effekte zeigen. (PMC)

Biochemischer Kernmechanismus: Rezeptoren & Signalwege

Pilz-β-Glucane wirken nicht wie ein Vitamin „direkt“, sondern werden vom Immunsystem als mikrobielles Muster (PAMP) erkannt. Zentral sind dabei:

  • Dectin-1 (CLR, C-type lectin receptor): Bindung von β-Glucan → Aktivierung von Syk-Kinase, CARD9-Signalweg, nachgeschaltet NF-κB und MAPK → veränderte Genexpression in Immunzellen (z. B. Makrophagen, dendritische Zellen). (PMC)
  • CR3 (Komplementrezeptor 3): In bestimmten Zelltypen (z. B. neutrophile Granulozyten) spielt CR3-abhängige Modulation eine wichtige Rolle; die Literatur beschreibt je nach Zelltyp unterschiedliche Rezeptor-Schwerpunkte. (Frontiers)

Was bedeutet das praktisch?
β-Glucane können Immunantworten modulieren (nicht pauschal „stärken“). Die Forschung diskutiert u. a. Effekte auf Phagozytose, Zytokinmuster, Antigenpräsentation und eine Art „trainierte“ angeborene Immunantwort, je nach β-Glucan-Typ und Kontext. (PMC)

Was ist wissenschaftlich „hart“ dokumentiert?

  • Mechanismen (Rezeptoren/Signalwege): gut belegt (starke präklinische Basis). (PMC)
  • Klinische Effekte als Arznei-Adjunct (nicht NEM!): Für einige standardisierte Pilz-Polysaccharide existiert klinische Evidenz – insbesondere in der Onkologie als Begleittherapie (siehe unten). (PMC)
  • Für Nahrungsergänzungsmittel allgemein: Die Übertragbarkeit ist oft begrenzt, weil NEM typischerweise andere Extrakte, andere Dosierungen und andere Applikationsformen nutzen als klinisch untersuchte Arzneipräparate.

Proteoglykane, Proteinkomplexe & „Protein-gebundene Polysaccharide“: PSK als Sonderfall

PSK (Polysaccharide-K, Krestin) – klinisch am besten belegt

Ein besonders gut dokumentierter Komplex ist PSK (ein protein-gebundener Polysaccharid-Komplex aus Trametes versicolor, „Schmetterlingstramete“). In Japan wurde PSK historisch als adjuvantes Immuntherapeutikum in bestimmten Krebsindikationen eingesetzt; Übersichtsarbeiten und Metaanalysen diskutieren Überlebensvorteile in Kombination mit Standardtherapien (je nach Tumorart, Stadium und Protokoll). (Springer Nature Link)

Biochemische Logik: Auch hier stehen immunologische Modulation und Interaktion mit Immunzellen im Vordergrund (Zytokine, NK-Zell-Aktivität, T-Zell-Antworten etc. – je nach Studie). Wichtig: Das sind medizinische Kontexte und häufig definierte Präparate, nicht automatisch auf Pilzpulver-NEM übertragbar. (Springer Nature Link)

Seriöse Einordnung:
PSK ist einer der wenigen Fälle, bei denen man sagen kann: Es gibt eine robuste klinische Literatur – aber in einem therapeutischen Setting und mit standardisierten Produkten. Das ist nicht gleichbedeutend mit „Pilz wirkt gegen Krebs“, sondern eine Aussage über adjuvante Strategien in der Medizin.

 

Terpene / Terpenoide: Triterpene aus Reishi als Forschungs-Hotspot

Viele Pilze bilden Terpene und Terpenoide. Besonders prominent sind Triterpenoide aus Ganoderma-Arten (Reishi/Lingzhi), darunter zahlreiche Ganoderma-Triterpene (z. B. ganoderische Säuren).

Biochemische Mechanismen (präklinisch gut beschrieben)

Die Literatur beschreibt für Ganoderma-Triterpenoide in präklinischen Modellen häufig:

  • Modulation entzündungsrelevanter Signalwege wie NF-κB und MAPK,
  • Einfluss auf oxidative Stressantworten,
  • zelluläre Prozesse wie Apoptose/ Zellzyklus in Tumormodellen (präklinisch). (PMC)

Was ist seriös dokumentiert?

  • Chemie/Vielfalt/Analytik: sehr gut dokumentiert (Hunderte identifizierte Triterpene). (PMC)
  • Mechanismen in Zell- und Tiermodellen: breit, aber heterogen; häufig hohe Dosen, Extrakt-spezifisch. (PMC)
  • Klinische Evidenz für NEM-typische Reishi-Produkte: deutlich uneinheitlicher als die präklinische Mechanistik. Das heißt nicht „wirkt nicht“, sondern: Der Sprung von Labor-Mechanismus zu reproduzierbarer Human-Outcome-Evidenz ist in vielen Bereichen noch nicht sauber geschlossen.

 

Sterole: Ergosterol, Vitamin-D2-Bildung und Membranbiochemie

Pilze enthalten Sterole, vor allem Ergosterol – ein strukturelles Membranlipid (analog zum Cholesterin in tierischen Zellen). Für die Praxis besonders bekannt ist die Photochemie:

Photochemische Reaktion: Ergosterol → Vitamin D2

Wird Ergosterol in Pilzen UV-Licht ausgesetzt, entstehen über photochemische Schritte Vitamin-D-Vorstufen, die anschließend zu Ergocalciferol (Vitamin D2) isomerisieren. Dieser Prozess ist gut beschrieben und wird teils gezielt genutzt, um den Vitamin-D2-Gehalt von Pilzen zu erhöhen. (PMC)

Seriöse Einordnung:
Das ist ein klarer, chemisch sauber belegter Mechanismus. Allerdings ist Vitamin-D2-Anreicherung ein eigenes Thema (Lebensmitteltechnologie/Novel-Food-Kontext, Qualitätskontrolle von Isomeren), nicht automatisch „Vitalpilz-Wirkung“. (Springer Nature Link)

 

Peptide, bioaktive Proteine & Fungal Immunomodulatory Proteins (FIPs)

Neben Polysacchariden enthalten Pilze eine Vielzahl von Proteinen, Glykoproteinen, Lectinen und kleineren Peptiden. Ein intensiv untersuchtes Feld sind Fungal Immunomodulatory Proteins (FIPs) – eine Proteinfamilie, die in verschiedenen Pilzen vorkommt und in präklinischen Studien immunologisch aktive Effekte zeigt. (Frontiers)

Biochemische Logik

FIPs können – je nach Protein – an Immunzellfunktionen andocken und Zytokinmuster beeinflussen; beschrieben sind in präklinischen Systemen u. a. Effekte auf T-Zell-Aktivierung und Entzündungssignalwege. (Frontiers)

Was ist seriös dokumentiert?

  • Existenz, Struktur, Klassifikation: gut dokumentiert. (Frontiers)
  • Biologische Aktivität: vor allem präklinisch; die klinische Übersetzung ist komplex, weil Proteine/Peptide oral unterschiedlich stabil sind, und Extrakte stark variieren.
    Eine aktuelle Übersicht zu immunmodulatorischen Peptiden/Proteinen in Pilzen zeigt die Breite, betont aber ebenfalls die Heterogenität und den Bedarf an Standardisierung. (PMC)

 

Was ist „klinisch am seriösesten“ dokumentiert?

Wenn man nach Bereichen fragt, in denen Vitalpilz-Inhaltsstoffe am stärksten klinisch dokumentiert sind, dann sind das (historisch) vor allem bestimmte standardisierte Polysaccharid-Präparate im onkologischen Adjuvanz-Kontext:

Lentinan (aus Shiitake)

Lentinan ist ein β-Glucan/Polysaccharid aus Lentinula edodes (Shiitake). Für Lentinan existieren klinische Übersichten und Studien, die in bestimmten Tumorindikationen als Begleittherapie Effekte auf Response/Surrogat-Outcomes oder Verträglichkeit diskutieren (je nach Studie). (PMC)

PSK (aus Trametes versicolor)

Wie oben beschrieben, ist PSK in Japan besonders bekannt; Reviews und Analysen berichten in bestimmten Settings Vorteile in Kombination mit Chemotherapie (indikations- und protokollabhängig). (Springer Nature Link)

Wichtig für die Einordnung:
Diese Beispiele sind medizinisch und präparatespezifisch. Sie belegen nicht automatisch, dass beliebige „Vitalpilz“-Pulver im NEM-Regal die gleichen Ergebnisse liefern.

 

Was ist „plausibel, aber klinisch noch dünn“?

Ein klassisches Beispiel ist Hericium erinaceus (Igelstachelbart/Lion’s Mane), bei dem terpenoide Inhaltsstoffe wie Erinacine und Hericenone in präklinischen Modellen mit neurobiologischen Markern (z. B. NGF/BDNF-bezogene Pfade) in Verbindung gebracht werden. (MDPI)
Es existieren kleinere Humanstudien zu psychologischen Parametern, die häufig zitiert werden, aber die Gesamtevidenz ist noch begrenzt und stark von Studiendesign und Endpunkten abhängig. (PubMed)

Auch Cordyceps-Inhaltsstoffe wie Cordycepin (3’-Deoxyadenosin) sind biochemisch spannend (Adenosin-Analogon; Effekte auf Nukleinsäure/Signalwege werden in präklinischer Literatur breit diskutiert). Systematische Übersichten zeigen die Breite, aber vieles ist (noch) präklinisch oder indikationsfokussiert. (MDPI)

 

Qualitätsfaktor: Warum Extrakt nicht gleich Extrakt ist

Die Vitalpilz-Forschung lehrt vor allem eins: Standardisierung ist entscheidend.

  • β-Glucan-Gehalt kann stark schwanken (Art, Kultivierung, Fruchtkörper vs. Myzel, Extraktion).
  • Terpenprofile variieren nach Spezies und Prozess.
  • Protein/Peptid-Fraktionen sind empfindlich (Verarbeitung, Temperatur, Verdauung).
  • Kontaminationen (Schwermetalle, unerwünschte Begleitstoffe) sind ein Qualitätsrisiko, das man nur über geprüfte Rohwaren und Analytik adressiert.

Ohne analytische Spezifikation („Was genau ist drin?“) wird jede Wirkungsaussage wissenschaftlich unscharf – selbst wenn die Stoffklasse an sich gut erforscht ist.

 

Fazit: Was man seriös sagen kann

Wissenschaftlich solide ist heute vor allem:

  1. β-Glucane als immunologisch aktive Musterstoffe mit gut beschriebenen Rezeptoren/Signalwegen. (PMC)
  2. Bestimmte standardisierte Polysaccharid-Arzneipräparate (z. B. Lentinan, PSK) in ausgewählten klinischen Adjuvanz-Settings – nicht pauschal „Pilze wirken“, sondern präparat- und indikationsbezogen. (PMC)
  3. Terpenoide (Ganoderma-Triterpene) mit breiter präklinischer Mechanistik (NF-κB/MAPK u. a.), aber klinisch für NEM insgesamt heterogener. (PMC)
  4. Sterole (Ergosterol → Vitamin D2 via UV) als klar belegte Photochemie. (PMC)
  5. FIPs/Peptide/Proteine als spannendes präklinisches Feld, bei dem klinische Übersetzung und orale Bioverfügbarkeit/Standardisierung oft die Engpässe sind. (Frontiers)

 

Quellen (Auswahl, wissenschaftlich tragfähig)

  • Batbayar et al. Review zu β-Glucan/Dectin-1 Signalweg. (PMC)
  • Brown (2003) Überblick zu β-Glucanen und Immunität. (ScienceDirect)
  • Han et al. (2020) Struktur-Funktions-Beziehungen β-Glucane, Dectin-1/CR3. (Frontiers)
  • Novak & Vetvicka (2008) Review zur β-Glucan-Biologie. (Tandfonline)
  • Vetvicka (2021) Übersicht β-Glucane in Tumor/Immun-Kontext. (MDPI)
  • Wang et al. (2017) Lentinan als Biological Response Modifier in Kombinationstherapien (Review/Meta). (PMC)
  • Antonelli et al. (2020) Umbrella Review zu Lentinan in integrativer Onkologie. (MDPI)
  • Maehara (2012) Review zu PSK Mechanismus & klinischem Einsatz (Japan). (Springer Nature Link)
  • Ma et al. (2017) Meta-Analyse/Review zu PSK-Studienarmen und Überleben. (Oncotarget)
  • Galappaththi et al. (2022) Review zu Ganoderma-Triterpenoiden (Chemie/Bioaktivität). (PMC)
  • Zhao et al. (2025) Überblick zu immunmodulatorischen Effekten von Ganoderma-Triterpenen (NF-κB/MAPK). (MDPI)
  • Jiang et al. (2020) Ergosterol → Vitamin-D2 Bildung in Pilzen (UV-Konversion). (PMC)
  • Sommer et al. (2024) Ergosterol-Konversion zu Vitamin D2/D4 unter UV. (Wiley Online Library)
  • Drzewiecka et al. (2024) Review zu bioaktiven Peptiden/Immunmodulatoren in Pilzen. (PMC)
  • Liu et al. (2020) Überblick zu Fungal Immunomodulatory Proteins (FIPs). (Frontiers)
  • Radhi et al. (2021) Systematic Review zu Cordycepin. (MDPI)

Autor: wm

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