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Cortisol – Bösewicht für Vieles?

 

 

 

 

 

 

 

Nachfolgend ein evidenzbasierter Überblick zu der in sozialen Medien häufigen Behauptung „Du hast zu viel Cortisol“, sobald man sich müde, erschöpft oder schlaflos fühlt.

Kurz gesagt: Cortisol ist wichtig, komplex reguliert und nicht „per se der Bösewicht“. Müdigkeit und Schlafstörungen bedeuten nicht automatisch einen krankhaft erhöhten Cortisolspiegel – und schon gar nicht die oft beworbene „Nebennierenschwäche“. Im Detail:

Was Cortisol überhaupt ist – und wie es sich normalerweise verhält

Cortisol ist ein lebenswichtiges Stress- und Stoffwechselhormon aus der Nebennierenrinde. Es folgt einem klaren 24-Stunden-Rhythmus: kurz nach dem Aufwachen ein Peak („Cortisol Awakening Response“), dann über den Tag ein Abfall bis zum nächtlichen Tief. Dieser zirkadiane Verlauf ist eng an Schlaf-/Wach-Rhythmus, Licht und zentrale Taktgeber gebunden. Störungen von Schlaf und innerer Uhr können den Cortisolverlauf messbar verändern – allerdings nicht immer in die gleiche Richtung und nicht zwangsläufig krankhaft.

Müde & schlapp ≠ automatisch „zu viel Cortisol“

Müdigkeit hat dutzende Ursachen – von zu wenig bzw. schlechtem Schlaf über Eisen- oder Schilddrüsenprobleme bis hin zu Depression, Infektion, Post-Viral-Zuständen, Anämie, Diabetes, Schlafapnoe u. v. m. Der Cortisolspiegel spielt hier mal eine Rolle, oft aber keine führende. In Schlafmedizin-Übersichten zeigt sich: Der Zusammenhang zwischen allgemeiner Müdigkeit und Cortisol ist uneinheitlich; bei Tagesschläfrigkeit dominieren häufig Entzündungsmarker (z. B. IL-6, TNF-α), nicht Hyperkortisolismus.

Insomnie ist ein Sonderfall: Menschen mit ausgeprägter Ein- und Durchschlafstörung zeigen im Schnitt eher Zeichen einer „Hyperarousal“-Physiologie – dazu können leicht erhöhte ACTH-/Cortisol-Ausschüttungen über 24 Stunden gehören. Das ist aber ein Gruppenphänomen (Statistik), kein sicheres individuelles Diagnosekriterium. In bevölkerungsbasierten Studien findet man Assoziationen zwischen Insomnie-Schwere und höherem morgendlichem Cortisol; andere Arbeiten zeigen geringe oder keine Veränderungen. Die Botschaft: Insomnie kann mit höherem Cortisol einhergehen, muss aber nicht; entscheidend ist die Behandlung der Schlafstörung, nicht pauschal „Cortisol senken“.

„Adrenal Fatigue“ – warum die populäre Erklärung nicht trägt

Die in Netzwerken verbreitete „Nebennierenschwäche“ („adrenal fatigue“) als Folge von Dauerstress ist keine anerkannte medizinische Diagnose. Eine systematische Übersichtsarbeit fand keine belastbaren Belege, und die Endocrine Society stellt klar: Es gibt keinen validen Test für „adrenal fatigue“; angebotene Speichel- oder Blutpanel-Tests basieren nicht auf guter Evidenz. Vorschnelle Etikettierung kann sogar gefährlich sein, weil echte Erkrankungen übersehen werden.

Wann „zu viel Cortisol“ tatsächlich ein Thema ist (Cushing-Syndrom)

Pathologisch erhöhte Cortisolwerte über längere Zeit verursachen das Cushing-Syndrom – eine seltene, aber ernste Erkrankung (z. B. durch ACTH-produzierende Hypophysenadenome oder Nebennierentumoren bzw. häufig exogen durch Kortison-Medikamente). Typische Zeichen sind nicht nur Müdigkeit, sondern zentrale Gewichtszunahme, Vollmondgesicht, Stammfettsucht mit dünnen Extremitäten, violette Dehnungsstreifen, Muskelschwäche, Bluthochdruck, Osteoporose, Hautblutungen – und oft massiv gestörter Schlaf. Verdacht rechtfertigt eine leitliniengerechte Abklärung.

Die Erstdiagnostik erfolgt laut Leitlinien mit validierten Screeningtests (mindestens zwei unterschiedliche):

  1. Spätabendlicher Speichel-Cortisol (LNSC),
  2. 24-h-Urin-freies Cortisol (UFC),
  3. 1-mg-Dexamethason-Suppressionstest.
    Ein einzelner morgendlicher Blut- oder Speichelwert ist nicht aussagekräftig.

Wenn „zu wenig Cortisol“ das Problem ist (Adrenale Insuffizienz)

Kontrastierend kann ein Cortisolmangel (primär: Addison-Krankheit; sekundär/tertiär: Hypophysen/Hypothalamus-Ursachen) starke Müdigkeit, Gewichtsverlust, orthostatische Beschwerden und ggf. lebensbedrohliche Krisen verursachen. Diagnostisch zentral ist morgendliches Serum-Cortisol in Kombination mit ACTH-Stimulationstest; hier wird Speichel nicht routinemäßig eingesetzt, wenngleich es neuere Ansätze mit Aufwach-Speichel-Cortison als Screening-Tool gibt. Diese sind vielversprechend, ersetzen aber die Standarddiagnostik (noch) nicht.

Was bedeuten kommerzielle „Cortisol-Tagesprofile“ im Speichel?

Mehrfach-Speicheltests über den Tag (oft als „Stresstest“ verkauft) werden gerne genutzt, um weitreichende Therapiepakete zu begründen. Problem:

  • Starke intra- und interindividuelle Variabilität (Schlafzeit, Licht, Mahlzeiten, Bewegung, Stressor).
  • Uneinheitliche Laborstandards und Reportings.
  • Für die Diagnostik von Cushing gibt es den einen validierten späten Abendwert (LNSC) – nicht „vier Punkte über den Tag“; für adrenale Insuffizienz bleiben Bluttests/ACTH-Test Standard.

Kurz: Ein unspezifisch „erhöhtes“ Speichel-Tagesprofil beweist weder Krankheit noch erklärt es Ihre Müdigkeit – und ein „abgeflachter“ Verlauf ist ohne klinischen Kontext wenig hilfreich.

Schlaf & Cortisol: Was wir wissen – und was Sie praktisch tun können

  1. Schlafverlust und circadiane Fehlanpassung (Schichtarbeit, Jetlag, sehr spätes Zubettgehen bei frühem Aufstehen) können die Cortisoldynamik verschieben (z. B. höhere Abendwerte, veränderte Aufwachreaktion). Die Lösung ist nicht primär „Cortisolblocker“, sondern Schlafrhythmus stabilisieren und Zeitgeber (Licht, Bewegung, regelmäßige Mahlzeiten) verbessern.
  2. Insomnie ist eine Fehlregulation des Erregungsniveaus. Wirksam sind kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie (CBT-I), Schlaf-Zeitrestriktion, Stimuluskontrolle und konsequente Schlafhygiene – dafür gibt es starke Evidenz, und parallel normalisieren sich oft physiologische Stressmarker. (Die Pathomechanismen der „Stress-Reaktivität des Schlafs“ sind gut beschrieben.)
  3. Abklären, was wirklich müde macht: Häufige andere Treiber sind Schlafapnoe, Restless-Legs-Syndrom, Schilddrüsenfunktionsstörungen, Eisenmangel (Ferritin!), Depression/Angst, Infektionen/Entzündung, Medikamente (Sedativa, Antihistaminika), Blutzuckerentgleisungen – und ja, Cushing oder adrenale Insuffizienz sind wichtige, aber seltene Differenzialdiagnosen. Sprechen Sie mit Ihrer Ärztin/Ihrem Arzt über zielgerichtete Basisdiagnostik, statt „auf Verdacht“ Hormone zu dämpfen oder Nahrungsergänzungen zu häufen.

Wie sieht eine seriöse Abklärung aus?

  • Anamnese & Klinik: Gibt es Cushing-Hinweise (Stammfettsucht, „Vollmondgesicht“, Striae, Muskelatrophie)? Oder Insuffizienz-Hinweise (Gewichtsverlust, niedriger Blutdruck, Hyperpigmentierung)? Erst dann labspezifisch testen.
  • Labordiagnostik bei Verdacht auf Cushing: Zwei verschiedene Screeningtests (LNSC, 24-h-UFC, 1-mg-Dexamethason). Keine Einmal-Messung am Morgen als Beweis.
  • Labordiagnostik bei Verdacht auf Insuffizienz: Morgendliches Serum-Cortisol + ACTH, ggf. ACTH-Test; Speichelmethoden sind ergänzend in Evaluation, nicht Standard.
  • Keine Diagnose „adrenal fatigue“ stellen – das ist nicht evidenzbasiert und lenkt von echten Ursachen ab.

Häufige Missverständnisse – kurz richtiggestellt

  • „Ich bin nachts wach, also habe ich zu viel Cortisol.“ – Insomnie kann mit erhöhtem Cortisol assoziiert sein, aber der kausale Pfeil verläuft in beide Richtungen; die Therapie der Insomnie (CBT-I etc.) ist der erste Hebel.
  • „Ein Speichelprofil beweist meine Diagnose.“ – Nein. Außer dem späten Abendwert bei Cushing bringt ein willkürliches Tagesprofil wenig diagnostische Sicherheit.
  • „Nebennierenschwäche durch Stress“ – medizinisch unbelegt; bitte nicht mit echter Addison-Krankheit verwechseln.

Konkrete, alltagsnahe Schritte (evidenzbasiert)

  • Schlaffenster stabilisieren (z. B. 7–8 h im festen Zeitfenster), morgens Licht, abends Bildschirm-/Blaulicht reduzieren, Koffein-Cut-off am frühen Nachmittag, regelmäßige Bewegung (tagsüber). Das adressiert zirkadiane Steuerung und Hyperarousal – und indirekt die Cortisoldynamik.
  • CBT-I erwägen (auch als digitale Programme erhältlich).
  • Medizinisch checken lassen, wenn Müdigkeit > 3–4 Wochen anhält, sich verschlimmert oder mit Alarmzeichen (starke Gewichtsveränderung, Blutdruckentgleisung, Hyperpigmentierung, ausgeprägte Muskelschwäche, wiederholte Infekte) einhergeht – dann zielgerichtet und leitliniengerecht testen.

Fazit

„Zu viel Cortisol“ ist nicht die simple Universalantwort auf Müdigkeit und Schlafprobleme. Die Stresshormon-Regulation ist komplex; Insomnie kann sie beeinflussen, aber populäre Diagnosen wie „adrenal fatigue“ sind nicht haltbar. Echte Cortisol-Erkrankungen (Cushing, adrenale Insuffizienz) sind selten, doch wichtig – und sie werden mit klar definierten Tests diagnostiziert. Wer sich dauerhaft müde und schlaflos fühlt, fährt am besten mit einer systematischen Abklärung und wirksamen Schlaf-/Lifestyle-Interventionen, statt Cortisol „blind“ zu bekämpfen.

WM