B cell naive receptors

In den USA wurde im Jahr 2010 ein Tumorimpfstoff (Sipuleucel-T) zur Behandlung des Prostatakarzinoms zugelassen. Neben den bisherigen Therapiemöglichkeiten, die oftmals nur eingeschränkte Wirksamkeit und tatsächliche Heilungseffekte beim fortgeschrittenen Prostatakrebs haben, verspricht man sich von der Impfstrategie einen Durchbruch.

Wie muss man sich die Wirkweise dieser Tumor-Impfstrategie vorstellen?

Dazu muss man die Funktion des Immunsystems in Zusammenhang mit der Entstehung von Krebs kurz näher betrachten.

Unser Immunsystem hat u.a. die Aufgabe, die Entstehung und die erfolgreiche Beseitigung von entarteten Gewebezellen in unserem Körper zu überwachen. Diese atypischen Zellen entstehen in unserem Körper täglich durch die verschiedensten Einflüsse, z.B. spontan bei jeder Zellteilung, oder durch chemische Einflüsse (z.B. Rauchen) oder durch Virusinfektionen (z.B. Gebärmutterhalskrebs). Derartige auffällige Gewebezellen sind von den Kontrollzellen unseres Immunsystems normalerweise leicht zu entdecken. Sie haben eine veränderte Oberflächenbeschaffenheit und unterscheiden sich dadurch von den „Bauplan-Vorgaben“. Kontrollzellen unseres Immunsystems patrouillieren ständig durch unseren Körper, auf der Suche nach derartigen Zellen. Einmal als „atypisch“ erkannt, erfolgt konsequent die Beseitigung dieser auffälligen Zellen. Soweit, so gut.

Leider funktioniert dieses geniale Überwachungssystem nicht immer einwandfrei. In Phasen von äußeren Einflüssen, die unser Immunsystem in seiner Kontrollfunktion hemmen/unterdrücken können (z.B. durch chronische Entzündungen oder durch Medikamente, die das Immunsystem in seiner Funktion hemmen) und durch eine sich entwickelnde Toleranz unseres Immunsystems gegenüber derartigen Zellstrukturen, gelingt es atypischen Zellen, nennen wir sie jetzt mal Krebszellen, immer wieder, der Kontrolle zu entgehen. Diese Krebszellen können dann ungehindert wachsen, sich teilen und letztendlich Anschluss an das Versorgungs- und Entsorgungssystems der Gewebe erhalten: das Blutgefäßsystem. Jetzt ist für die Krebszellen der schwierigste Teil geschafft. Die Krebszellen haben die Kontrollfunktionen des Immunsystems regelrecht überrannt. Einem ungehinderten Wachstum, ohne Stoppsignale, steht nichts mehr im Wege. Durch den Anschluss an das Blutgefäßsystem können jetzt auch andere Körperregion von diesen Krebszellen besiedelt werden. Es entstehen Metastasen. Heutzutage geht man übrigens davon aus, dass die Verschleppung, die Absiedlung von Krebszellen vom ursprünglichen Entstehungsort schon sehr früh beginnt, de facto bevor durch bildgebende Verfahren (Ultraschall, Röntgen, CT. Kernspin etc.) die Lokalisation des Primärortes erkannt werden konnte. Diese Zusammenhänge sollten die bisherigen, oftmals nur eingeschränkt effektiven und wirksamen Diagnose- und Therapiestrategien bei der Bekämpfung von Tumorerkrankungen neu überdenken lassen. In der komplementären Onkologie werden diese Erkenntnisse bereits umgesetzt; die klassische Onkologie tut sich damit immer noch schwer.

Zurück zu der neuen Option, Prostatakrebs durch eine Impfung, eine Vakzinierung, zu behandeln. Impfungen allgemein funktionieren über deren Aktivierung bestimmter Zellen unseres Immunsystems. Auch bei der Impfung gegen Prostatakrebs ist das Ziel, das Immunsystem wieder für die Erkennung und Beseitigung von Prostatakrebszellen zu sensibilisieren, vorgegeben. Das Immunsystem soll letztendlich wieder die Kontrolle über die Tumorzellen, das Tumorgewebe erhalten.

Aus den Forschungsarbeiten mit Prostatakrebs weiß man, dass die meisten Prostatakarzinomzellen langsam wachsen. Dem Immunsystem gelingt es dabei immer wieder, spontan Antikörper gegen Prostatakrebszellen zu produzieren. Diese Erkenntnis hat letztendlich zu der Überlegung geführt, zum einen die Antikörperproduktion des Immunsystems durch eine spezifische Impfung mit Oberflächen- und Zellmerkmalen von Prostatakrebszellen anzukurbeln, zum anderen, Tumorzelljäger des Immunsystems (spezialisierte T-Zellen des spezifischen Immunsystems) gegen die Krebszellen zu aktivieren. Derartige Zellstrukturen werden als TAA = tumorassoziierte Antigene bezeichnet. Von Prostatakrebszellen kennt man inzwischen eine ganze Reihe derartiger Antigene.

Zur Impfung gegen Prostatakrebs stehen grundsätzlich verschiedene Impfstoffe zur Verfügung. Zum einen kann man aus dem körpereigenen Tumorgewebe der Prostata Zellen für die Impfung gewinnen (eine sehr spezifische, individualisierte und aufwändige Methode), zum anderen gibt es industriell gefertigte Impfstoffe mit bekannten TAAs. Ob es effektiver ist, dem Immunsystem ganze Zellen zu präsentieren (wie bei der Verwendung körpereigenen Tumorgewebes) oder ob es ausreicht, industriell in Peptidreaktoren produzierte TAAs zu verabreichen, ist derzeit noch nicht abschließend geklärt.

In klinischen Studien mit der Anwendung von Impfstoffen bei Prostatakrebspatienten konnten folgende Erkenntnisse gewonnen werden:

Zwei Studien mit sog. allogenen Impfstoffen mussten wegen absehbaren Nachteilen für die geimpften Prostatakrebspatienten vorzeitig abgebrochen werden. Was sind allogene Impfstoffe? Es handelt sich um definiertes Krebsgewebe von einem anderen Prostatakrebspatienten. Dieses Krebsgewebe wurde durch verschiedene Verfahren (Bestrahlung etc.) „unschädlich“ gemacht. Der Vorteil von definierten allogenen Impfstoffen liegt in der Möglichkeit der industriellen Fertigung größerer Stückzahlen und in der Tatsache, dass dem Immunsystem „ganze“ Tumorzellen präsentiert werden.

Studien mit einem anderen Impfstoff, der auf der Beladung von körpereigenen, antigen-präsentierenden Immunzellen mit definierten Eiweißen (sog. Peptiden, TAAs) basiert, waren da schon erfolgreicher. Dieser als Sipuleucel-T bekannte Impfstoff führte bei Prostatakrebs-Patienten im fortgeschrittenen Erkrankungsstadium gegenüber Placebo (Scheinbehandlung) zu einem Vorteil in der Gesamtüberlebenszeit von 4 Monaten. Dieses Studienergebnis führte 2010 in den USA zur Zulassung dieses Impfstoffs bei fortgeschrittenem Prostatakarzinom. Mit der Zulassung in Deutschland wird 2013 gerechnet.

Studien mit der intrakutanen (in die Haut) Injektion von Prostatakrebs-spezifischen kurzen Eiweißbausteinen (sog. Peptiden) und Eiweiß-Bauanleitungen (sog. mRNAs) stecken noch in den Anfängen.

Was man bisher im Zusammenhang mit der Impfstrategie beim Prostatakrebs gelernt hat ist die Tatsache, dass sich, begünstigt durch die vorherrschenden Botenstoffe des Tumormilieus, das Immunsystem eines Tumorpatienten leider viel zu häufig tolerant gegenüber den Tumorzellen zeigt.

An diesem Punkt müssen/sollten immunologisch-basierte Therapieoptionen ansetzen. In der klassischen Onkologie tut man sich bisher damit schwer. Ich werde dieses Thema weiterhin aufmerksam verfolgen und über erfolgversprechende Entwicklungen weiterhin berichten. (Winfried Miller)